Mit „community“ getaggte auf Webdesign und Usability:

Tauschticket ist eine Büchercommunity, bei der man virtuelle Tickets in Bücher und andere Medien und seit einiger Zeit auch in "alles Mögliche" investieren kann, von Socken bis zum Diktiergerät. Ursprünglich war die Tauschbörse aber hauptsächlich auf Bücher fokussiert, sah mal so aus
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und hat es in den vergangenen Jahren zu einer stattlichen Fan-Gemeinde gebracht.

Irgendwann wurde aus Buchticket Tauschticket, die Auswahl an zu tauschenden Objekten wurde größer, der Server platzte aus allen Nähten und das angestaubte Design war längst fällig für einen Relaunch. Nun also sieht Tauschticket so aus:

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Und nun ist die Community erneut verstimmt.

Der Tauschticket-Relaunch ist ein klassisches Beispiel für fehlerbehafteten Umgang mit der Community innerhalb des Community-Managements und in der Geschichte der Tauschbörse nicht der erste Punkt, der für die Nutzer zum Ärgernis wurde. Auch wenn ich jetzt an dieser Stelle keinen großen Ausflug in den Umgang mit Nutzern innerhalb von Online-Communities machen möchte - es ist im Zusammenhang mit diesem Relaunch interessant, dass die Nutzer in den Relaunch offenbar kein Stück weit einbezogen wurden.

Bemerken kann man dies anhand der Kommentare im Tauschticket-Forum, wo ein überwiegender Teil der Nutzer sich über das neue Design beklagt - und vor allem über den mangelnden Kontrast. Besonders fatal (im Hinblick auf das Community-Management genauso wie auf die Usability allgemein): dort werden bereits Tipps ausgetauscht, wie man sich im Browser benutzerdefinierte Farben einstellen kann. So sehr wird die neue Farbgebung abgelehnt.

In der Tat, der Kontrast ist schlecht. Die weiße Schrift auf den, mit einem Farbeffekt versehenen Buttons, verschwimmt nach einiger Zeit vor den Augen. Blickt man danach auf eine weiße Fläche, müssen sich die Augen erst umstellen, Farbflecken können erscheinen - die Farben sind zu grell. Der Farbeffekt erzeugt einen Bruch innerhalb der Buttons, eine optische Trennlinie, auf der die Schrift liegt. Das ermüdet das Auge rasch - lästig und störend für eine sehr gemischte Nutzerschaft mit unterschiedlicher Altersstruktur, in der sich auch viele Ältere befinden.
Auch beißt sich der Farbverlauf im Hintergrund mit den sonstigen Blautönen. Die Farbassoziation an sich ist in Ordnung: blau suggeriert Professionalität und Seriösität, grün sorgt für einen freundlichen Charakter. Aber: der Farbton ist wichtig, und der ist hier eine Spur zu hell, um wirklich angenehm fürs Auge zu sein.

Die Funktionalität hingegen hat sich verbessert - denn auch das Design an sich wurde verändert, nicht nur die Farbgebung. Tauschticket ist nun wesentlich aufgeräumter, übersichtlicher und insgesamt "leichter" geworden - ob nun in der Bedienung oder in der Optik. Die vorher zweizeilige Navigation, die durch ihre Anordnung leicht den Eindruck erwecken konnte, dass bestimmte Dinge zueinander gehören oder gar einander untergeordnet sind, wurde entschlackt:

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Insgesamt wurde das Design modernisiert, vom eckigen, leicht unbeholfenen hin zum runden; vom Informatiker-Design zum gestalterisch anspruchsvolleren. Abgesehen von den Farben, natürlich.

Die Änderung der Navigation bedeutet auch eine Änderung der Struktur, denn wie man oben im Bild annähernd erkennt, sind Navigationspunkte aus der Hauptnavigaton entfernt worden. Für den, für die Nutzer sehr wichtigen Bereich des Forums hat man eine gute Alternative gefunden; der Button befindet sich nun rechts, deutlich abgesetzt von der restlichen Navigation und direkt neben dem Button, der zum Profil des Nutzers führt. Auch wenn ich zuvor noch arg geschimpft habe darüber, dass die Belange der Community mißachtet wurden: hier wurde tatsächlich mitgedacht und die für die Nutzer wichtigsten Elemente zusammenhängend gruppiert.

Auch in anderen Bereichen hat sich die Usability von Tauschticket verbessert. Allerdings hat das offenere Design auch zur Folge, dass die Seitenstruktur stark gestreckt wird, das bedeutet mehr Scrollen und weniger die Möglichkeit, sich beispielsweise im Katalog einen schnellen Überblick zu verschaffen. Sicher ein Nachteil bei dem umfangreichen Angebot - immerhin weit über 1 Million Bücher befinden sich in der Datenbank, und dazu kommen noch hundertausende anderer Medien.

Ein solcher Relaunch dient häufig dazu, Neukunden bzw. neue Nutzer anzusprechen. Tauschticket ist weit über fünf Jahre online, es existieren einige konkurrierende Angebote, von denen viele schon lange zuvor ein deutlich angenehmeres Erscheinungsbild besaßen. Und dennoch: ein Relaunch ist manchmal auch ein Schritt zurück. Dann nämlich, wenn sich Nutzer mit einer Webseite weniger identifizieren können als zuvor. Nicht nur das Design, auch das Logo wurde verändert. Es ist sicherlich moderner und abstrakter als zuvor,  auch wenn es immer noch strenggenommen kein wirkliches Logo ist. Dass die Striche über dem Schriftzug die virtuelle Tauschwährung darstellen sollen, kann man erahnen. Für viele alteingesessene Nutzer ist dies aber ein weiterer Schritt weg vom heimeligen Buchliebhaberclub hin zu einer modernen, anonymen und austauschbaren Plattform.

Dass Tauschticket im Vorfeld keine Nutzerbefragungen, nicht einmal einfache Umfragen gestartet hat, passt in dieses Bild. Aufmerksame Community-Manager hätten aus den Forenbeiträgen ein exzellentes Stimmungsbild erhalten können und könnten es noch jetzt, wenn sie wollten. Designänderungen sind häufig schwierig für Nutzer einer Community. Usability bedeutet eben, die Nutzer einzubinden - für eine Online-Gemeinschaft ein ausgesprochen wichtiger Punkt, der über das Wohlbefinden innerhalb der Gemeinschaft entscheiden kann. Veränderungen sollten bei langjährigen, eingeführten Online-Communities behutsam geschehen.

Nutzer sind erstaunlich tolerant, wenn es ums Design geht, und sie verzeihen auch Usability-Fehler, wenn die Gemeinschaft ihnen etwas bietet, was sie dort halten kann. Ein Community-Management, das jedoch in ihren Augen nicht an diesen Nutzern interessiert ist, kann mehr stören als das.

Design ist keine reine Geschmacksfrage. Die Gestaltung erfolgt idealerweise auf Basis gewisser Regeln und Gesetzmäßigkeiten, berücksichtigt die menschliche Wahrnehmung und, nun ja, ist natürlich möglichst ansprechend für den Betrachter.

Design unterliegt auch Trends. Kein Wunder also, dass die meisten der von mir untersuchten Arztbewertungsportale in ihrer Gestaltung dem momentanen Web 2.0-Trend folgen. Web 2.0 hat nicht nur das Nutzungsverhalten des Internet beeinflusst, sondern eben auch die Gestaltung. Sehr modern, frisch und motivierend für den Nutzer wirken dabei DocInsider, Jameda und Imedo. Hier die Startseite von DocInsider als Beispiel:
 

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Die Gestaltung von Jameda hat allerdings auch einen ziemlich lästigen Aspekt. Jameda setzt auf einen Avatar. Die freundliche Dame in medizinischer Kleidung läuft in mehreren, zufallsgesteuert ablaufenden Filmen auf der Webseite hin und her, zeigt auf etwas oder telefoniert sogar:
 

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Das kann ziemlich nerven, denn hat die Dame mal ihr erklärendes Sprüchlein auf einer der Seiten abgelassen, summt sie, seufzt, langweilt sich und so weiter. Man muss schon in die Seite einsteigen, zum Beispiel einen Arzt suchen, um sie loszuwerden. Manchmal sind Avatare nützlich, und zwar dann, wenn sie bestimmte Aspekte der Webseite erklären oder wenn sie auf Fragen in natürlicher Sprache eine Antwort haben. Solche Avatare sind in der Regel eher nicht beweglich und/oder werden erst bei gezieltem Aufruf aktiv. Natürlich mag auch der Jameda-Avatar seine Berechtigung haben: wenn er der (anvisierten) Zielgruppe gefällt.

Zurück zur allgemeinen Gestaltung. Eines der untersuchten Portale fällt in Punkto Design ziemlich aus dem Rahmen. Ärzte bewerten ist optisch alles andere als modern, es glänzt sogar noch mit Lauftext, unter anderem mit einem trotzigen "Wollen Sie überhaupt, dass Ihre Meinung eine Rolle spielt?" Auch sonst ist das Portal kein Glanzstück:

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Die Zielgruppenorientiertheit ist ein weiterer Aspekt des Designs (und auch des Textes, übrigens). Die Gestaltung sollte die Erwartungen der (potenziellen) Nutzer erfüllen. Dazu gehört unter anderem die Farbgestaltung. Interessant ist, dass die untersuchten Portale alle sehr unterschiedlich mit Farben umgehen. Imedo und Helpster haben die klassischen Farben gewählt, die man im Allgemeinen mit der Medizin in Verbindung bringt: grün und blau. Jameda benutzt nur Blau, allerdings in Verbindung mit sehr viel Weiß, was der Seite einen relativ klinischen Eindruck verleiht. Weiß ist ebenfalls ein Klassiker im medizinischen Umfeld, auch Medführer verwendet viel Weiß. Hier werden jedoch auch noch andere Farben verwendet (und zwar als Orientierungshilfen, was in Teil 4 leider unterschlagen wurde). Medführer stellt die Verbindung zur Medizin eher über Bilder und Text her. DocInsider verwendet ebenfalls hauptsächlich Weiß und Grauabstufungen, jedoch in Kombination mit Rot. Rot ist eigentlich eine Signalfarbe, die jedoch auch in der Medizin eingesetzt wird (man denke an das Rote Kreuz). Wohldosiert benutzt, wie bei DocInsider, kann ein angenehmer Rotton gute Akzente in der Gestaltung setzen.

Mein guter Arzt ist ein wenig der Ausreißer: hier wird vor allem mit Orange gearbeitet.

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Die Kombination von grau, schwarz und orange ist kontrastreich und durchaus ansprechend, jedoch nicht unbedingt das, was der Nutzer erwartet. Damit ist nicht unbedingt gemeint, dass die Farbgestaltung nicht gefallen oder gar verwirren könnte, sondern dass sie möglicherweise nicht auf Anhieb erkennen lässt, was der Nutzer auf der Seite zu erwarten hat. Allerdings hat Mein guter Arzt hier Mittel gefunden, dem entgegenzuwirken: es werden eindeutige Bilder benutzt und auch das Logo ist treffend gewählt.

Mit diesen Gedanken endet die Serie über Arztbewertungsportale im Web. Wir konnten sehen, dass moderne Ideen meist noch etwas Anlauf brauchen, bis sie wirklich funktionieren. Die untersuchten Portale haben alle gute Ideen, hier und da Optimierungsbedarf - und vor allem noch viel vor sich. Viel Erfolg! :)

Präsentation der Suchergebnisse

Ist (bei einem 15-Zoll-Laptop und einer Auflösung von 1440*900, einer Fenstergröße von etwa 860 px) Scrollen nötig, um die Suchergebnisse überhaupt zu sehen? Wie sind die Ergebnisse sortiert, und ist die Bewertung nachvollziehbar? Die Antworten darauf finden sich in dieser Tabelle:

 Portal Scrollen nötig? Sortierung nach ... Bew. nachvollziehbar?
 Imedo Ja Keine nachvollziehbare Sortierung Ja
 Ärzte bewerten Nein Alphabet Nein
 DocInsider Nein Bewertung Nur teilweise
 Mein guter Arzt Nein Datum Ja
 Jameda Nein Alphabet Keine Bewertungen
 Medführer Ja Bewertung Ja
 Helpster Nein Alphabet Keine Bewertungen


Bei zwei Portalen muss man scrollen, um überhaupt zu den Suchergebnissen zu gelangen. Nun ist die Auflösung eines 15-Zoll-Laptops sicher keine Richtgröße, allerdings sollte man es einer möglichst großen Zielgruppe immer möglichst einfach machen. Und das tut man, indem man eher von einer kleineren Bildschirmauflösung bzw. insgesamt einer geringeren technischen Ausstattung ausgeht – außer, man weiß ganz genau, dass seine (potenzielle) Nutzerschaft modern ausgerüstet ist.

Die Sortierung der Suchergebnisse wird nur von drei Portalen alphabetisch gestaltet. Eigentlich ist dies doch die naheliegenste Sortiermöglichkeit und auch diejenige, die der Nutzer am ehesten erwarten würde. Hier könnten Imedo, DocInsider, Mein Guter Arzt und Medführer noch nachbessern. Imedo sortiert nach überhaupt keiner nachvollziehbaren Regel. Vermutlich ist die Sortierung chronologisch; sichtbar ist dies jedoch nicht. DocInsider sortiert nach Bewertung. Noch liegen nicht viele Bewertungen vor, so dass die Sortierung noch nicht zu unübersichtlich ist. Wäre jedoch eine ganze Bildschirmseite mit Bewertungen gefüllt, wäre es sinnvoller, ein zusätzliches Sortierkriterium hinzuzufügen, beispielsweise alphabetisch oder chronologisch. Das gleiche gilt für Medführer, wo die Schmerzgrenze einer Seite bereits erreicht ist.
Mein guter Arzt sortiert standardmässig chronologisch, gibt aber nirgendwo ein Datum an, nach dem sortiert wird. Man kann allerdings auf alphabetische Sortierung umstellen. Die Sortierfunktion ist jedoch leider nur sichtbar, wenn man NICHT die Suchfunktion auf der Startseite benutzt, sondern sich über den Navigationspunkt "Arzt finden" durchklickt.

Weitere Bewertungskriterien für die untersuchten Portale wird es in Teil 4 geben.

Aktuelle Einträge finden Sie auf der Startseite, alle Einträge in den Archiven.

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