Mit „oberflächengestaltung“ getaggte auf Webdesign und Usability:

In den letzten Tagen ging es hoch her im Netz: die Leipziger Verkehrsbetriebe (LVB) hatten ihre frisch relaunchte Webseite präsentiert. Darüber wurde viel geschrieben und wenig gelobt, unter anderem in diesem sehr guten Artikel des Journalisten Daniel Große oder hier im Designtagebuch. Die Oberfläche ist aber auch wirklich mit bestem Willen nicht anders als - Verzeihung - hässlich zu nennen:

leipzig.jpg

Sie wirkt kein Stück zeitgemäß. Die große Frage ist, wie und mit welchen Nutzern wurde diese Webseite getestet - denn getestet wurde sie laut einer Pressemeldung angeblich. Der Kontrast der weißen Schrift auf grau gestricheltem Grund ist schlecht, die vielen Versalien sind ein No-Go im Bereich Lesbarkeit, besonders die linke Reiternavigation ist sehr schlecht zu lesen. Gehörten Senioren zur Testgruppe?

Man navigiert über gruselige, viel zu detailreiche Icons. Hier wäre interessant zu sehen, wie die Fahrscheinautomaten der LVB aussehen. Denn da liegt eine große Stolperfalle im Design (und damit auch in der Gebrauchstauglichkeit): entsprechen diese Icons nicht solchen, die die Nutzer bereits kennen, müssen sie sich umstellen. Denn die Icons sind auch nicht in irgendeiner Form standardisiert, d.h. sie sehen auch nicht bereits bekannten Symbolen ähnlich wie zum Beispiel dem hier :
images.jpeg
Insbesondere die Icons für "Haltestelle" und "Verbindung" rechts oben sind zu nah beieinander platziert und sich zu ähnlich. Natürlich hilft die Schrift, die Symbole dann zu unterscheiden, aber da beim Mouse over die Bildunterschriften für ALLE die Symbole in dieser oberen Ecke an der GLEICHEN Stelle erscheinen... nun ja.

Schlimm auch das an den unteren Rand geklebte und festgepinnte gelbe... Ding, das beim Scrollen stehenbleibt. Wie Daniel Große schon schrieb, fordert es zu Blicksprüngen heraus, weil es die Aufmerksamkeit anzieht. Das macht die gesamte Seite unruhig. Dazu trägt aber auch die eigenartige Verwendung von Farben bei. In Formularen sind manche Bereiche, wie z.B. das Suchfeld, orange hinterlegt. Diese Farbe signalisiert am linken Karteireiterrand auch, dass hier etwas ausgeklappt werden kann (etwas, auf das ein ungeübter Nutzer aber wahrscheinlich NIE kommen wird, da es sich nur um ein oranges Rechteck ohne jeden Text oder Hinweis handelt). Wie beim Suchfeld suggeriert die orange Farbe also eine Aktivität, die der Nutzer hier starten kann (die Suche starten, bestimmte Bereiche anzeigen lassen). Gleichzeitig sind aktive Bereiche aber auch orange markiert, sowohl in Unternavigationen bei Menüs wie auch in den Icons der rechten oberen Leiste sowie bei Icons, die auf manchen Unterseiten vorkommen. Die Haupticons, die auf der Startseite einmal prominent platziert sind und sich auf den Unterseiten links oben befinden, sind im aktiven Zustand jedoch NICHT orange hinterlegt - sondern in unterschiedlichen Blautönen, in gelb und grün...

Insgesamt also ein riesiges, wirres Durcheinander ohne jede Konsistenz. Obwohl offensichtlich viel Arbeit investiert wurde, ist das Gestaltungskonzept nicht stringent. Und die merkwürdigen Figuren im Tickets und Tarife-Bereich sind wirklich einfach nur... schrecklich. Um nochmal auf Daniel Grosse zurückzukommen, der hat das nämlich sehr sehr nett beschrieben:

"Studenten sind offenbar fülliger als Azubis, Erwachsene haben einen Bierbauch, Autofahrer sind unförmig und Senioren sind augenscheinlich Exhibitionisten, die ihren Mantel lüften."

Ganz ehrlich, wer MACHT sowas? Nimmt kostenlose Grafiken, die man im Netz runterladen kann, und benutzt die sinn- und haltlos für ein solches Unternehmen...

lvb_2.jpg

Und so könnte man stundenlang weitermachen: warum gibt es zwei verschiedene Icons für Informationen, von denen eines "Nachrichten" heißt, und was unterscheidet oder verbindet eigentlich die zwei Haupticon-Leisten? Wieso ist diese Seite so wenig erwartungskonform gestaltet, dass ich - mit 15 Jahren Netzerfahrung - wie blöd danach suche, wie man verdammt noch mal zurück zur Startseite kommt? Wieso kleben einige Teile dieses "Designs" so aneinander, während andere viel zu viel Luft haben? Wieso gibts beim Browsen mit Safari unter dem Punkt "Hilfe" einfach mal GAR nichts?

hilfe.jpg

Besonders fassunglos ließ mich der Kommentar des Marketing-Leiters der LVB zurück, der auf die zahlreichen technischen Probleme mit der Fahrplanauskunft antwortete:

„Diese Fehler gab es auch schon vorher, sie hängen nicht mit der neuen Internetseite zusammen."

Wollen wir alle mal einen Moment innehalten und darüber nachdenken, was der Zweck der Webseite eines Verkehrsunternehmens sein sollte. Welche Nutzungsszenarien könnte es hierfür geben? Ach so - darüber HAT niemand nachgedacht? Sieht so aus. Im wahrsten Sinne des Wortes.        

Kleines Update: Der Bundesadler funktioniert inzwischen wieder. Auf die Frage, wo der Bundeskanzler wohnt, gibt es nun diese Antwort:

Antwort:
Schön, dass Sie sich für den Bundeskanzler interessieren. Was Sie noch interessieren könnte: Laut Grundgesetz kann der Bundeskanzler durch ein konstruktives Misstrauensvotum des Bundestages gestürzt werden.

Ominös, oder? :)

 

----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Benutzungsfreundlichkeit spielt in der Oberflächengestaltung für die öffentliche Verwaltung eine besondere Rolle. Das "Gesetz zur Gleichstellung behinderter Menschen" verlangt Barrierefreiheit in vielen Bereichen:

Barrierefrei sind bauliche und sonstige Anlagen, Verkehrsmittel, technische Gebrauchsgegenstände, Systeme der Informationsverarbeitung, akustische und visuelle Informationsquellen und Kommunikationseinrichtungen sowie andere gestaltete Lebensbereiche, wenn sie für behinderte Menschen in der allgemein üblichen Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe zugänglich und nutzbar sind. (Quelle)

Ohne besondere Erschwernis nutzbar. Trifft das zu? Wir starten eine neue Serie zu Webdesign und Usability in der öffentlichen Verwaltung und beginnen mit dem Deutschen Bundestag, dessen Webauftritt wir in der nächsten Zeit etwas näher betrachten wollen.

Zum Auftakt aber erst mal ein kleiner Lacher :)

http://www.bundestag.de/ nutzt einen Avatar (darüber findet sich auch etwas in diesem Artikel). Hier wird der Bundesadler als "virtueller Berater" genutzt:
 

virtueller_berater.jpg


Der freundliche Vogel fragt: "Was darf ich Ihnen zum Thema Bundestag erzählen?" Diesem verlockenden Angebot konnte ich natürlich nicht widerstehen und fragte ihn nach Klick auf die Frage:
 

wo_wohnt_der_bundeskanzler_frage.jpg


"Wo wohnt der Bundeskanzler?"
Jetzt hätte der virtuelle Berater ja eine Menge Möglichkeiten gehabt. Er hätte mir beispielsweise sagen können, dass wir gar keinen Bundeskanzler, sondern eine BundeskanzlerIN haben. Oder, dass Frau Merkel nicht im Kanzleramt wohnt, sondern in einer Wohnung in Berlin. Oder sogar, dass mich das nichts angeht, was weiß denn ich. Stattdessen:

wo_wohnt_der_bundeskanzler.jpg


Wie, "The IQ Agent is currently offline"? Handelt es sich hier gar nicht um den Bundesadler, sondern um das Wappentier der USA? Was auch immer, er funktioniert nicht. Schade. Aber dass englische Antworten nicht gerade nutzerfreundlich sind, das steht jedenfalls fest. Mehr dann in Teil 2.

Aktuelle Einträge finden Sie auf der Startseite, alle Einträge in den Archiven.

Impressum

Powered by Movable Type 4.34-de